Rede zum Volkstrauertag

Gedicht am Beginn der Rede

Sehr geehrte Vertreter der Kirche,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen des Stadtrates und der Verwaltung, verehrte Gäste!

Im Namen der Stadt Forchheim und in Vertretung von Herrn Oberbürgermeister Dr. Uwe Kirschstein begrüße ich Sie herzlich und heiße Sie willkommen  zur heutigen Gedenkveranstaltung am Volkstrauertag.

An den Beginn meiner Ansprache habe ich einen Ausschnitt aus dem Gedicht „Flüchtlinge“ von Adam Zagajewski gestellt. Der Autor ist 1945 in Lemberg geboren, das damals zur Sowjetunion gehörte, heute zur Ukraine.

In seinem Gedicht beschreibt der Autor  eindrücklich die Flucht von Männern, Frauen, Kindern aus ihrer Heimat, zunächst ins Land Nirgendwo – sie wissen nicht, wo sie ankommen werden, ob sie ankommen werden.

In diesem Jahr blicken wir besonders auf unser Nachbarland Polen. Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen. Als Tag des Beginns des Zweiten Weltkrieges mag dieses Datum noch geläufig sein. Doch was in den Jahren der anschließenden Besatzung geschah, ist vielen in Deutschland kaum bewusst.

Das polnische Leid war unvorstellbar. Die Polen wurden in der Nazi-Rassenideologie als minderwertige Rasse betrachtet. Sie sollten als Sklavenvolk gehalten und ihr Land als Lebensraum für Deutsche genutzt werden.

Millionen von Menschen wurden vertrieben, zwangsumgesiedelt oder mussten flüchten. 1941 vertrieben die Nationalsozialisten rund 900.000 Polen aus dem seit 1939 besetzten ehemaligen westlichen Westpreußen.

Im Herbst 1944 begann aus Angst vor Vergeltung die Massenflucht der Deutschen aus Ostpreußen und Schlesien, später auch aus Pommern. Dreieinhalb Jahre waren seit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 vergangen, viele Millionen Menschen dort in diesen Jahren getötet worden. Tausende Städte und Dörfer hatte die Wehrmacht zerstört. Hinter der Front hatten NS-Einsatzgruppen hunderttausende Zivilisten ermordet, vor allem Juden.

Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshand­lungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertrie­bene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebens­­un­­wert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben fest­hielten.

Das eingangs zitierte Gedicht „Flüchtlinge“ wurde 1994 verfasst und dort heißt es weiter:

„Es könnte Bosnien sein, heute,
Polen im September 39,
Frankreich – 8 Monate später,
Thüringen 45,
Somalia oder Afghanistan oder Ägypten.“

Im Jahr 2019 ließe sich diese Aufzählung noch um einige Länder mehr verlängern. Denn Flucht und Vertreibung finden auch heute, aktuell statt und unterscheiden sich für die Betroffenen nicht von damals vor 80 Jahren.

68,5 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, wie es auf der Seite der UNO-Flüchtlingshilfe heißt. Meist sind es Krieg und Gewalt, die Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Immer dabei ist die Angst um das eigene Leben, um das Leben und das Wohlergehen der Kinder, der Familie oder von Freunden. Denn niemand verlässt freiwillig seine Heimat, sein Dorf und seine Wohnung – ohne etwas mitzunehmen und ohne Abschied.

Und viele, viele Menschen kommen auf der Flucht ums Leben.

Wir trauern deshalb heute auch um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Im Januar 2000 sagte der Friedensnobelpreisträger (1986) und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel vor dem Deutschen Bundestag:

„Wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal.“

Und genau deshalb sind die Bereitschaft zur Erinnerung und die daraus resultierende Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung eine Bürgerpflicht. Nehmen wir diese Pflicht ernst, gedenken wir an die Toten und Erinnern wir an die Schrecken des Krieges, an Vertreibung und Flucht – halten wir inne und machen wir uns den Frieden und die Freiheit, die wir heute genießen dürfen, bewusst. Nehmen wir unsere Verantwortung für den Frieden und den Respekt unter den Menschen tagtäglich bewusst wahr.

Für die Gestaltung dieser Gedenkfeier danke ich im Namen der Stadt Forchheim der Blaskapelle Reuth, dem Männerchor Eintracht Reuth, der Ehrenabordnung der Soldatenkameradschaft Reuth und den Fahnenträgern der Reuther Vereine. Vielen Dank!

Ich wünsche Ihnen allen noch einen friedlichen und erholsamen Sonntag! Danke.

17. November 2019